Ich komme nicht aus einer reichen Familie und arbeite ganz normal. Als Teenager habe ich trotzdem ziemlich viel über ethischen Konsum nachgedacht. Keine Ahnung, was genau der Auslöser dafür war. Man hört ja schon seit Jahren ständig davon, wie problematisch unser Konsum ist, wie Menschen bei der Produktion ausgebeutet werden usw.
Gerade bei Kleidung habe ich das immer ziemlich schlimm gefunden. Wenn ich lese, unter welchen Bedingungen manche Menschen für sehr wenig Geld arbeiten müssen, finde ich das natürlich nicht okay. Vor allem weil ich selbst arbeite und weiß, wie wichtig vernünftige Arbeitsbedingungen sind.
Deshalb habe ich lange versucht, möglichst keine Sachen von großen Fast-Fashion- oder Massenmarkt-Marken zu kaufen. Ich wollte lieber Produkte von Firmen kaufen, die irgendwie „verantwortungsvoller“ produzieren.
Mittlerweile mache ich das aber nicht mehr. Nicht, weil mir das Thema plötzlich egal ist, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich es mir einfach nicht leisten kann.
Das ist mir besonders vor ein paar Monaten aufgefallen, als ich aus ethischen Gründen Vegetarier werden wollte. Ich wollte einfach kein Fleisch mehr essen, weil ich die Haltung und Schlachtung von Tieren nicht unterstützen wollte.
Das Problem war nur: Viele Produkte, die ich als Alternative gefunden habe, waren für mich ziemlich teuer. Bei mir in der Stadt gibt es zum Beispiel einen Bio-Supermarkt. Ich kann dort ehrlich gesagt kaum einkaufen, weil die Preise für mich einfach viel zu hoch sind. Wenn ich dort bin, habe ich auch jedes Mal das Gefühl, dass dort hauptsächlich Leute einkaufen, die deutlich mehr Geld haben als ich.
Und ja, ich weiß, dass jetzt wahrscheinlich jemand kommt und sagt, dass man auch billig vegetarisch leben kann. Darum geht es mir aber gar nicht. Ich will keine Diskussion darüber führen, ob man theoretisch mit 2 € am Tag vegetarisch leben kann.
Ich werde von einem Salat einfach nicht satt. Fleisch ist für mich eine relativ günstige Möglichkeit, genug Kalorien und Eiweiß zu bekommen. Dazu kommen Reis, Nudeln, Kartoffeln, Haferflocken usw. Das ist einfach mein normales Essen.
Bei Kleidung ist es genauso. Ich kann mir nicht leisten, jedes T-Shirt für 50 oder 100 € bei irgendeiner nachhaltigen Marke zu kaufen. Wenn ich neue Kleidung brauche, kaufe ich sie halt bei H&M oder irgendwo, wo sie billig ist.
Und ich sage das nicht, um zu erzählen, wie arm ich bin. Mir geht es um etwas anderes.
Wenn man wenig Geld hat, ist „ethischer Konsum“ einfach nicht immer eine echte Option.
Was mich dabei inzwischen ziemlich stört, ist, wie viel Schuld dem einzelnen Konsumenten gegeben wird.
Kauf keine Fast Fashion. Kauf kein Plastik. Kauf Bio. Kauf regional. Kauf nachhaltig. Iss kein Fleisch. Schau immer nach, wo etwas produziert wurde.
Aber warum liegt die Verantwortung dafür eigentlich so stark beim Konsumenten?
Ich kaufe eine Plastikflasche und soll mich schlecht fühlen. Gleichzeitig produziert Coca-Cola wahrscheinlich mehr Plastikverpackungen, als ich in meinem ganzen Leben verbrauchen werde.
Ich kaufe ein billiges T-Shirt und soll mich dafür schuldig fühlen. Aber warum wird nicht viel stärker darüber gesprochen, wie die Unternehmen produzieren und welche Arbeitsbedingungen sie schaffen?
Ich verstehe schon, dass Konsumenten durch ihre Kaufentscheidungen etwas beeinflussen können. Und ich finde Ausbeutung oder Umweltverschmutzung natürlich nicht gut.
Aber ich finde es irgendwie absurd, von Menschen mit wenig Geld zu erwarten, dass sie bei jedem Einkauf die moralisch perfekte Entscheidung treffen.
Wenn die „ethische“ Alternative doppelt oder dreimal so viel kostet, dann ist das für jemanden mit wenig Geld keine wirkliche Wahl.
Und deshalb habe ich aufgehört, mich deswegen schlecht zu fühlen.
Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, in der faire Arbeitsbedingungen, vernünftige Produktion und weniger Umweltverschmutzung nicht davon abhängen, ob sich der einzelne Konsument das teurere Produkt leisten kann.
UPD: Ich fühle mich schuldig, weil ich darauf verzichte, aber ich weiß nicht, was ich mit dieser Schuld anfangen soll, die mir von der Gesellschaft eingeredet wird. Was soll ich richtig machen? Ist unethischer Konsum für arme Menschen moralisch gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass sich ein armer Mensch ethischen Konsum nicht leisten kann? Und folgt aus meinen obigen Aussagen, dass ethischer Konsum vor allem ein neues Statussymbol ist, das es ermöglicht, die Gesellschaft zu spalten?
Warum sind vegane Ersatzprodukte, die größtenteils aus Bohnen, Soja oder anderen Hülsenfrüchten hergestellt werden, eigentlich so teuer? Zum Beispiel veganes Fleisch, Hackfleisch oder Würstchen. Ich schaue mir manchmal die Zutatenliste an und sehe ehrlich gesagt nichts, was für mich einen Preis von 20 bis 40 Euro pro Kilo rechtfertigen würde.
Ich würde mal tippen, dass da mehrere Sachen zusammenkommen: um aus Sojabohnen ein Produkt zu machen, das Otto-Normalverbraucher möglichst stark an Fleisch erinnert, muss das Produkt extrem verarbeitet werden. Entscheidend für den Preis ist dann nicht mehr die Zutat an sich, sondern was man alles mit ihr anstellen muss, bis man das fertige Produkt hat. Das ist paradoxerweise ein bisschen wie beim Schwein, das man zwar auch mit billigem Soja füttert, aber trotzdem am Ende mehr für das fertige "Produkt" zahlen muss. Dann hast du mit Sicherheit auch Entwicklungskosten, die diese Firmen, die vegane Burgerpatties oder Chicken Nuggets mit aufwendigster Lebensmitteltechnologie kreiert haben, wieder reinholen wollen. Und zu guter Letzt, wie du ja ursprünglich schon bemängelt hast, die Tatsache, dass der Handel hier gerne noch etwas tiefer in die Tasche greift, weil Verbraucher, die sich bewusst ethischer ernähren wollen, eben bereit sind, sich das etwas kosten zu lassen. Quasi eine "Pink Tax" für Vegetarier/Veganer.
Persönlich sehe ich das Problem also eher in den Produkten, die möglichst perfekt ein Fleischprodukt imitieren möchten. Denn die sind teuer in der Fertigung, beliebt und dementsprechend als "Lifestyle-Produkt" teurer im Verkauf und tendenziell einfach ineffizienter. Ich nutze zb lieber normalen Tofu, den ich mir entweder als "Hackersatz" herrichte oder in kleine Würfel geschnitten und in Stärke gewendet im Ofen knusprig backe und dann weiter verwende.
Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Ich kann Fleisch einfach nicht komplett durch Tofu ersetzen. Ich versuche, aus ethischen Gründen auf Fleisch zu verzichten, nicht weil ich Fleisch nicht mag. Im Gegenteil, ich liebe Fleisch einfach. Wahrscheinlich auch, weil das so ziemlich das Einzige war, was ich als Kind gegessen habe.
Ich bin beim Essen generell sehr, sehr wählerisch. Es gibt viele Sachen, die ich einfach nicht esse. Deshalb bedeutet Fleisch für mich wegzulassen, dass ich gefühlt die Hälfte von dem streichen muss, was ich überhaupt esse – und dann auch noch den Teil, den ich am liebsten mag.
Fleischersatz hilft mir dabei, zumindest noch etwas von dem Geschmack zu haben, den ich mag. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich diese Ersatzprodukte geschmacklich jetzt auch nicht sooo toll finde. Aber das ist eine andere Diskussion. Trotzdem würde ich sie definitiv lieber essen.
Und glaubt mir, sogar Hülsenfrüchte zu essen, fällt mir schwer. Einmal war mein Freund völlig baff, weil ich vor dem Essen die Haut von einer Tomate abgezogen habe.
Also ja, ihr müsst verstehen. Ich bin beim Essen einfach extrem heikel.
ich denke auch dass theoretisch zwar fleisch in den meisten fällen teurer sein müsste als pflanzliche produkte (aber es gibt da ein paar interessante historische ausnahmen[1]). aber da der markt für alternativprodukte nach wie vor relativ jung ist und meiner persönlichen erfahrung nach nicht wirklich so viele konsumenten hat (ich vermute vielleicht 5% der bevölkerung), gibt es einfach economies of scale die die fleischwirtschaft nutzen kann, die sojajoghurtwirtschaft aber nicht.
spoiler
[1]: im allgemeinen sind getreide fast immer billiger als fleisch und milch; ausnahme sind historisch halbwüsten und hochgebirge, die für ackerbau schwierig zu nutzen sind (nicht fruchtbar genug, nicht gut mechanisch zugänglich), wo viehhaltung betrieben wurde.
ich denke auch, dass die veganen alternativen es einfach noch nicht geschafft haben, populär auch für die normale allgemeinbevölkerung zu werden. denn die denkt pragmatisch, z.b. "schmeckt es gut", "sättigt es und macht mich fit?". wenn dann so ein komischer soja-quark daherkommt dann muss der erst einmal eine gewohnte-geschmack-barriere durchbrechen und da wird es oft schon schwierig.
ich würde vermuten, wenn man es schafft, durch z.b. kürbis-suppe mit linsen und kartoffelauflauf mit erbsen mit viel öl und gewürzen lecker-schmeckende angebote zu schaffen, die z.b. auch in mensen niederschwellig und günstig verfügbar sind, dann würden mehr menschen diese veganen speisen annehmen.
ein großer punkt ist auch der einsatz von geschmacksstoffen. damit meine ich z.b. kräuter, pflanzen-öle etc. leider gibt es derzeit eine starke abneigung gegen hohen fettgehalt in der nahrung (sehr zu unrecht übrigens), was das würzen veganer speisen sehr viel schwieriger macht, weil öl gut geschmack trägt. da fleisch von natur aus viel intensiver schmeckt, hat fleisch hier einen geschmacks-vorteil. wenn wir es schaffen, den leuten klar zu machen, dass essen auch ruhig viel öl enthalten darf, dann wird es auch mit dem geschmack veganer speisen deutlich besser werden, was uns allen nützt.